Clusterkopfschmerz: Diagnose und Therapie nach Leitlinie

Clusterkopfschmerz erkennen: Symptome, Diagnose, Akuttherapie mit Sauerstoff, Prophylaxe mit Verapamil. HNO Dr. Dewes Saarlouis.
Frau betrachtet in warmem Seitenlicht ein Ginkgo-Blatt — ruhige, zuversichtliche Bildsprache der HNO-Praxis Dr. Dewes in Saarlouis.
Inhaltsverzeichnis

Es gibt Kopfschmerzen, und es gibt Clusterkopfschmerz. Wer eine Attacke erlebt hat, macht keinen Unterschied mehr zwischen beiden. Der Schmerz beginnt ohne Vorwarnung, immer auf derselben Seite, sitzt tief hinter oder um das Auge, und er ist vernichtend, ein anderes Wort passt nicht. Begleitend läuft das Auge auf der betroffenen Seite, die Nase verstopft oder läuft, das Lid hängt. Manche Patienten können nicht stillsitzen, andere knien auf dem Boden. Nach 15 Minuten bis 3 Stunden ist es vorbei, und wenige Stunden oder Tage später beginnt es von vorn.

Als HNO-Arzt in Saarlouis begegne ich Clusterkopfschmerz-Patienten häufiger, als man vielleicht denkt. Der Schmerz zieht sich durch das gesamte Trigeminusgebiet und sitzt oft hinter dem Ohr oder tief im Gesicht. Deshalb landen viele Betroffene zunächst beim Zahnarzt oder beim HNO-Arzt, bevor die richtige Diagnose gestellt wird. Im Folgenden erkläre ich, was hinter dem Clusterkopfschmerz steckt, wie die Diagnose zustande kommt und welche Therapien wirklich helfen. Es geht auch darum, warum eine Fehldiagnose jahrelange Qual bedeuten kann.


Was ist Clusterkopfschmerz?

Clusterkopfschmerz ist eine Form der sogenannten trigeminoautonomen Kopfschmerzen (TAC, Trigeminal Autonomic Cephalalgias). Der Name beschreibt das Grundmuster, einen Schmerz im Versorgungsgebiet des Trigeminusnervs mit autonomen Reaktionen wie Tränenfluss oder laufender Nase auf derselben Seite. Die dritte Auflage der Internationalen Kopfschmerzklassifikation (ICHD-3) listet ihn unter dem Code 3.1.1

Die Erkrankung ist selten, aber nicht so selten, wie die öffentliche Wahrnehmung vermuten lässt. Die bevölkerungsbasierte Metaanalyse von Fischera et al. (2008) ermittelte eine Lebenszeitprävalenz von 124 pro 100.000 Personen, grob gesagt ist also etwa jeder 800. Mensch betroffen.2 Männer erkranken deutlich häufiger als Frauen, das Verhältnis liegt bei rund 4:1, beim chronischen Verlauf noch höher.2 Das mittlere Erkrankungsalter liegt um das 30. Lebensjahr.3

Von anderen schweren Kopfschmerzerkrankungen unterscheidet sich der Clusterkopfschmerz dadurch, dass er in Phasen auftritt. Wochen bis Monate, in denen täglich ein bis acht Attacken auftreten (die „Cluster"-Phase), wechseln sich mit schmerzfreien Remissionsphasen ab, die Monate bis Jahre dauern können. Das ist der episodische Clusterkopfschmerz, der bei rund 85 Prozent der Betroffenen vorliegt.2 Beim selteneren chronischen Typ (3.1.2 nach ICHD-3) bleiben Remissionen aus oder dauern unter drei Monate.1

Der hintere Bereich des Hypothalamus gilt nach heutigem Forschungsstand als eine Art Schrittmacher der Cluster-Perioden. Das würde erklären, warum Attacken so präzise zu bestimmten Tageszeiten auftreten und warum bestimmte Jahreszeiten bevorzugt sind.4 CGRP (Calcitonin Gene-Related Peptide) und VIP (vasoaktives intestinales Peptid) sind während einer Attacke im Blut erhöht. Hier setzen einige neuere Therapieansätze an.4


Typische Attacke: Wie sich Clusterkopfschmerz anfühlt

Die Diagnosekriterien der ICHD-3 beschreiben den Clusterkopfschmerz präzise.1 Für die Praxis sind vor allem folgende Merkmale wichtig.

Lokalisation: streng einseitig, orbital, supraorbital oder temporal. Die Seite bleibt innerhalb einer Cluster-Phase konstant, kann sich in einer späteren Phase ändern. Beidseitiger Schmerz ist ein Warnsignal, dazu unten mehr.

Schmerzcharakter und Intensität: bohrend, stechend oder brennend; schwer bis sehr schwer. Viele Patienten beschreiben ihn als den schlimmsten Schmerz, den sie je erlebt haben. In der englischsprachigen Literatur findet sich dafür der Begriff „suicide headache". Das ist keine Übertreibung, die Verzweiflung in schweren Phasen ist real und muss ernst genommen werden.

Attackendauer: 15 bis 180 Minuten (unbehandelt). Diese Spanne unterscheidet Clusterkopfschmerz von der viel kürzeren paroxysmalen Hemikranie und der noch kürzeren SUNCT/SUNA.

Häufigkeit: 1 Attacke jeden zweiten Tag bis 8 Attacken pro Tag.

Autonome Begleitsymptome auf derselben Seite (ipsilateral): Mindestens eines der folgenden muss vorhanden sein.1

  • Konjunktivale Rötung und/oder Tränenfluss
  • Nasale Kongestion und/oder Rhinorrhö
  • Lidschwellung
  • Gesichts- oder Stirnschwitzen
  • Miosis und/oder Ptosis
  • Oder: ausgeprägte Bewegungsunruhe / Agitation

Vor allem die Unruhe hilft bei der Diagnose. Clusterkopfschmerz-Patienten können während einer Attacke nicht stillsitzen. Sie laufen auf und ab, knien, wiegen sich. Migränekranke dagegen suchen Dunkelheit und Ruhe.


Unterscheidung von anderen Kopfschmerzformen

Clusterkopfschmerz wird oft verwechselt, und das hat Folgen, weil die Therapien grundlegend verschieden sind. Hoffmann und May (2018) berichten von einer diagnostischen Verzögerung von durchschnittlich 7–8 Jahren zwischen ersten Symptomen und gesicherter Diagnose.4

Clusterkopfschmerz vs. Migräne

MerkmalClusterkopfschmerzMigräne
Lokalisationstreng einseitig, orbital/temporaleinseitig oder beidseitig, diffus
Attackendauer15–180 Minuten4–72 Stunden
Autonome Symptometypisch, prominentgelegentlich leicht
Verhalten im AnfallUnruhe, BewegungsdrangRuhe, Rückzug in Dunkel
Übelkeit/Erbrechenseltenhäufig
Geschlechtüberwiegend Männerüberwiegend Frauen
Tagesverlaufoft nächtlich/früh morgensvariabel
Aurakommt nicht vorbei ca. 30 % vorhanden

Eine Überschneidung besteht darin, dass auch die vestibuläre Migräne anfallsartige Kopfschmerzsymptome hervorrufen kann. Dort steht aber der Schwindel im Vordergrund und kein einseitiger Vernichtungsschmerz am Auge.

Clusterkopfschmerz vs. Trigeminusneuralgie

Die Trigeminusneuralgie verursacht elektrisierenden Blitzschmerz, der nur Sekunden bis unter 2 Minuten dauert und typischerweise durch Berührung bestimmter Triggerpunkte im Gesicht ausgelöst wird.5 Autonome Symptome fehlen meist. Der Ast-Bezug ist bei der Trigeminusneuralgie meist V2 oder V3 (Wange, Kiefer), beim Clusterkopfschmerz primär V1 (Auge, Stirn).5

Clusterkopfschmerz vs. paroxysmale Hemikranie

Hier liegt die wichtigste Verwechslungsgefahr. Die paroxysmale Hemikranie (ICHD-3: 3.2) sieht dem Clusterkopfschmerz klinisch ähnlich, aber die Attacken sind kürzer (2–30 Minuten) und die Frequenz ist höher (5–40 pro Tag).1 Kennzeichnend ist, dass sie vollständig und zuverlässig auf Indometacin anspricht. Dieses Ansprechen ist sogar Diagnosekriterium. Verschwinden die Attacken unter Indometacin vollständig, spricht das für eine paroxysmale Hemikranie. Für die Therapie ist das entscheidend, denn beim Clusterkopfschmerz hilft Indometacin nicht.

Clusterkopfschmerz vs. Hemicrania continua

Die Hemicrania continua (ICHD-3: 3.4) verursacht einen kontinuierlichen, nicht attackenförmigen einseitigen Schmerz mit gelegentlichen autonomen Exazerbationen.1 Auch sie spricht spezifisch auf Indometacin an, Naproxen oder andere NSAR erzielen diesen Effekt nicht.

SUNCT und SUNA

Hier sind die Attacken sehr kurz (Sekunden bis einige Minuten) und sehr häufig, die autonomen Symptome so ausgeprägt wie beim Cluster. Es gibt aber keine Remissionsphasen, und die Cluster-Standardtherapien wirken nicht.1


Wie wird Clusterkopfschmerz diagnostiziert?

Die Diagnose ist klinisch. Es gibt keinen Laborwert, keine Bildgebung und keinen Funktionstest, der Clusterkopfschmerz beweist. Grundlage sind die ICHD-3-Kriterien, also mindestens 5 Attacken mit den beschriebenen Merkmalen, die nicht besser durch eine andere Diagnose erklärt werden.1

Entscheidend ist die Anamnese. Ich frage, wie lange die Attacken genau dauern, auf welcher Seite sie auftreten und ob es dabei Tränenfluss, Nasenlaufen oder eine Lidschwellung gibt. Wichtig ist auch, ob sich der Patient während der Attacke hinlegen kann oder ob ihn der Schmerz aufstehen lässt. Kommt der Schmerz nachts, immer zur gleichen Stunde? Gibt es Cluster-Phasen mit wochen- bis monatelangen Remissionen dazwischen?

Als HNO-Arzt sehe ich immer wieder eine Besonderheit, die zu Fehleinschätzungen führt. Bei vielen Patienten sitzt der Schmerz nicht nur am Auge, er zieht auch retroaurikulär, also hinter das Ohr und manchmal bis in den Nacken. Das löst verständlicherweise den Verdacht auf ein Ohrproblem, eine Mastoiditis oder eine Halswirbelsäulenerkrankung aus. Die HNO-Untersuchung (Otoskopie, Rhinoskopie, klinischer Befund) hilft also durchaus, vor allem um andere Ursachen auszuschließen und den Befund einzugrenzen.

Bei der Erstdiagnose empfiehlt die europäische Leitlinie eine Kernspintomographie (MRT) des Kopfes einschließlich des Übergangs zur Halswirbelsäule, ersatzweise eine Computertomographie mit Schädelbasis. Clusterartige Kopfschmerzen können, vor allem mit zunehmendem Alter, eine andere Ursache haben.6 Bei folgenden Warnsignalen ist die Bildgebung unverzichtbar.

  • Bilaterale Schmerzlokalisation (Cluster ist streng einseitig)
  • Fehlende autonome Begleitsymptome
  • Ersterkrankungsalter über 50 Jahre
  • Pathologischer neurologischer Befund
  • Therapierefraktärer Verlauf trotz leitliniengerechter Behandlung
  • Verdacht auf Hypophysentumor oder einen Prozess im Sinus cavernosus

Diese Konstellationen können auf einen symptomatischen, also sekundären Clusterkopfschmerz hinweisen, etwa durch ein Hypophysenadenom, ein Kavernom oder eine Erkrankung der Halsschlagader (Karotis).6

Sehr hilfreich ist ein Kopfschmerz-Tagebuch über mindestens vier Wochen mit Zeitpunkt, Dauer und Seite der Attacken, den Begleitsymptomen, den eingenommenen Medikamenten und deren Wirkung. Der Arzt bekommt so die nötigen Daten, und viele Patienten fühlen sich der Erkrankung weniger hilflos ausgeliefert, wenn sie sie selbst dokumentieren.

Die neurologische Mitbeurteilung ist bei Clusterkopfschmerz in der Regel erforderlich, weil die Diagnose und die meisten vorbeugenden Therapien in die Neurologie gehören. Die HNO-Praxis übernimmt die Abklärung des HNO-Organs und den Ausschluss von HNO-Ursachen, bevor die neurologische Diagnostik die Führung übernimmt.


Akutbehandlung: Was im Anfall wirklich hilft

In der Akuttherapie des Clusterkopfschmerzes muss eine Attacke schnell durchbrochen werden, eine Linderung nach Stunden käme zu spät. Deshalb kommen nur wenige Mittel in Frage.

Hochfluss-Sauerstoff

Sauerstoff ist die tragende Säule der Akutbehandlung und wirkt sehr gezielt. Die entscheidende Studie (Cohen et al., JAMA 2009), eine randomisierte, doppelblinde Crossover-Studie mit 109 Patienten, zeigte, dass 78 % der Attacken auf 100 % Sauerstoff (12 L/min, Atemmaske, 15 Minuten) mit Schmerzfreiheit oder deutlicher Linderung ansprachen, gegenüber 20 % in der Placebo-Gruppe (Raumluft).7 Diese Studie ist die Grundlage der starken Empfehlung in der aktuellen EAN-Leitlinie (May et al., 2023).6

Gegeben werden 100 % Sauerstoff über eine dicht sitzende Nicht-Rückatmungsmaske, 12 Liter pro Minute, für 15 Minuten, und zwar gleich zu Beginn der Attacke. Nasensonden oder niedrigere Flussraten funktionieren nicht ausreichend. Die Verschreibung eines Sauerstoffsets für zu Hause (Druckgasflasche mit einem Druckminderer, der 12 bis 15 Liter pro Minute liefert) ist für Patienten mit häufigen Attacken ein erheblicher Gewinn an Lebensqualität. Ein übliches Heimgerät (Sauerstoffkonzentrator) erreicht diese Flussrate in der Regel nicht. Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen die Kosten für Sauerstoff in Druckgasflaschen.8

Die meisten Attacken sprechen auf Sauerstoff an, und ein schnelles Ansprechen passt gut zu einem trigeminoautonomen Mechanismus. Ein Beweis für die Diagnose ist das aber nicht. Bleibt die Wirkung aus, schließt das einen Clusterkopfschmerz nicht aus. Die Leitlinie empfiehlt dann zunächst, eine höhere Flussrate zu versuchen.6

Sumatriptan subkutan

Sumatriptan 6 mg subkutan ist das zweite Mittel der ersten Wahl. Es wirkt von allen Triptanen am schnellsten, und seine Wirksamkeit ist belegt.69 Höchstens zwei Injektionen zu je 6 mg in 24 Stunden sind erlaubt. Ist die Injektion nicht möglich, kommt ein Nasenspray in Frage: Zolmitriptan-Nasenspray ist in Deutschland für den Clusterkopfschmerz zugelassen und in der amerikanischen Leitlinie ebenfalls mit der höchsten Empfehlungsstufe bewertet.9 Sumatriptan-Nasenspray ist nur für die Migräne zugelassen. Orale Triptane sind beim Clusterkopfschmerz nicht geeignet, denn die Attacken sind zu kurz und zu intensiv für einen langsamen oralen Wirkeintritt.

Was nicht hilft

Orale NSAR (einschließlich Naproxen) und orale Analgetika sind beim echten primären Clusterkopfschmerz nicht wirksam, das halten beide großen Leitlinien ausdrücklich fest.69 Bis sie wirken, ist der Anfall meist schon vorbei. Opioide sind keine Option, weil sie bei häufigen Attacken abhängig machen können und keinen spezifischen Effekt haben.


Prophylaxe: Wie die Cluster-Phasen verkürzt oder verhindert werden

Prophylaxe ist beim Clusterkopfschmerz nicht optional, wenn jemand täglich mehrere Attacken hat. Sie beginnt früh und soll die Cluster-Phase verkürzen oder im besten Fall verhindern.

Verapamil

Verapamil ist der unbestrittene First-Line-Standard bei der Prophylaxe.6 Die pivotale Studie (Leone et al., 2000) zeigte in einem doppelblinden, placebokontrollierten Design eine signifikante Reduktion der Attackenfrequenz und des Analgetikaverbrauchs.10 Die übliche Startdosis liegt bei 240 mg/Tag in drei Einzeldosen, mit Steigerung um 80 mg alle drei bis vier Tage je nach Wirkung und Verträglichkeit.6

EKG-Kontrollen sind Pflicht. Verapamil verlängert die atrioventrikuläre Überleitung; in höheren Dosen können AV-Block und Bradykardie auftreten. Die EAN-Leitlinie empfiehlt EKGs vor jeder Dosissteigerung.6 Das klingt aufwendig, ist aber unverzichtbar. Deshalb gehört Verapamil unter ärztliche Kontrolle. Für den Clusterkopfschmerz ist Verapamil nicht zugelassen. Präparate bestimmter Hersteller dürfen aber seit 2012 zulasten der gesetzlichen Krankenversicherung verordnet werden.11

Kortikosteroide als Überbrückung

Kortikoide wirken schnell, sind aber für Dauertherapie ungeeignet. In der Praxis werden sie als Überbrückung eingesetzt, bis Verapamil voll wirkt, zum Beispiel Prednison ≥ 100 mg oral oder bis 500 mg i.v. täglich über 5 Tage.6 Beim chronischen Cluster ist Langzeitkortison wegen des Cushing-Risikos keine Option.

Okzipitale Nervblockade

Die subokzipitale Steroidinjektion, also die gezielte Blockade des N. occipitalis major, hat in der amerikanischen Leitlinie als einzige vorbeugende Behandlung eine Level-A-Empfehlung erhalten.9 Die europäische Leitlinie führt sie als Konsensempfehlung, gestützt auf zwei kleine randomisierte Studien.6 Sie wirkt schneller als Verapamil und kann ebenfalls als Brückentherapie eingesetzt werden.

Ausblick: CGRP-Antikörper und Neuromodulation

Galcanezumab (Emgality) ist in den USA seit 2019 zur Prophylaxe des episodischen Clusterkopfschmerzes zugelassen. In der EU wurde die Zulassung für diese Anwendung 2020 abgelehnt.6 Eine randomisierte Studie im NEJM (Goadsby et al., 2019) zeigte eine signifikante Reduktion der wöchentlichen Attackenzahl.12 Beim chronischen Cluster war die Wirksamkeit in der Studie nicht nachweisbar. Die europäische Leitlinie empfiehlt es trotzdem beim episodischen Verlauf, wenn er sonst nicht beherrschbar ist. In Deutschland ist das ein Einsatz außerhalb der Zulassung, über den im Einzelfall entschieden wird.6

Die sphenopalatine Ganglionstimulation (SPG-Stimulation) ist ein invasives Neuromodulationsverfahren für therapierefraktäre Fälle; die amerikanische Leitlinie gibt ihr ein Level B für die Akutbehandlung.9 Nach der europäischen Leitlinie war der Stimulator bei deren Erscheinen 2023 in Europa nicht verfügbar.6 Für die Attacke beim episodischen Verlauf empfiehlt die europäische Leitlinie außerdem die nichtinvasive Vagusnervstimulation.6


Die Frage nach viralen Triggern — ein vorsichtiger Blick auf eine Hypothese

Dieser Abschnitt beschreibt einen Forschungsansatz, der außerhalb der neurologischen Leitlinien steht. Er ist kein Behandlungsvorschlag, sondern eine transparente Darstellung des aktuellen Wissensstands. Wer einen solchen Ansatz erwägt, sollte das immer in Verbindung mit der leitliniengerechten Standardtherapie tun, nicht statt ihr.

Die Standardtherapie nach Leitlinie mit Sauerstoff, Sumatriptan und Verapamil ist der gesicherte Ausgangspunkt. Offen bleibt, was hinter dem trigeminoautonomen Mechanismus steht, warum es gerade jetzt zur Cluster-Phase kommt und warum immer auf derselben Seite.

In der Fachliteratur taucht gelegentlich die Hypothese auf, dass latente Herpesviren im Trigeminalsystem eine Rolle spielen könnten. Biologisch ist das nicht aus der Luft gegriffen. Theil et al. (2003) untersuchten menschliche Trigeminusganglien post mortem und fanden, dass die Mehrheit latent mit Alpha-Herpesviren (HSV-1, VZV) infiziert ist, verbunden mit einer chronischen, stillen Immunantwort (CD8-T-Zellen, Makrophagen, erhöhte Zytokin-Transkripte).13 Das ist eine pathologische Befundstudie und belegt keine klinische Wirksamkeit.

Klinische Berichte sind rar. Bernardes et al. (2021) veröffentlichten einen Einzelfallbericht über einen 43-jährigen Patienten. Er hatte einen clusterartigen Schmerz am Auge und einen nachgewiesenen intranasalen Herpes simplex und sprach nach rhinoskopisch gesichertem HSV-Befund auf eine antivirale Therapie mit Valaciclovir an. Nach wenigen Tagen ging es ihm besser, nach 6 Monaten war er weiterhin beschwerdefrei.14 Historische Beobachtungen von Barton (1985) und Hardebo (1986) hatten eine Assoziation zwischen Cluster und ipsilateralem Herpes simplex vermerkt, sind aber methodisch auf dem Niveau von Leserbriefen.1516

Insgesamt gibt es also einen publizierten Einzelfallbericht, zwei historische Beobachtungen und eine Überlegung zum möglichen Mechanismus. Eine randomisierte Studie, eine Fallserie oder einen Leitlinieneintrag gibt es nicht. Der höchste verfügbare Evidenzgrad für die antivirale Therapie beim Clusterkopfschmerz liegt bei Level IV (Einzelfall). Das ist die niedrigste Stufe der klinischen Evidenz.

Gleichzeitig kommt es auf die Abgrenzung an. Ein clusterartiger Schmerz, der auf eine antivirale Therapie anspricht, könnte auch einen sekundären, viral (HSV/VZV) getriggerten trigeminoautonomen Schmerz darstellen, also eine Form, bei der die Cluster-Diagnose nach ICHD-3 zwar klinisch naheliegt, aber ein viraler Trigger die eigentliche Ursache ist. Als HNO-Arzt kann ich mit der Rhinoskopie gezielt danach schauen. Ein intranasaler Herpes-Befund, eine dermatomale Verteilung, ein Zoster oticus oder eine ophthalmische VZV-Reaktivierung können einem clusterartigen Schmerz zugrunde liegen und wären kausale Indikationen für eine antivirale Therapie.

Der Rahmen nach Dr. Rummel

Der gemeinsame Grundgedanke — Herpesviren als mögliche Treiber trigeminoautonomer Schmerzsyndrome — findet sich auch in der Arbeit von Dr. med. Gerhard Rummel, deren Konzepte ich in meiner Praxis für bestimmte Erkrankungsbilder fortführe. Wichtig ist, dabei zwei methodisch ganz unterschiedliche Wege auseinanderzuhalten: Zum einen die klassisch-pharmakologische antivirale Therapie (etwa mit Valaciclovir), wie sie auch dem oben genannten Bernardes-Fall zugrunde lag. Zum anderen die Medizinische Bioresonanz nach Dr. Rummel mit Herpesvirus-Nosoden in der sogenannten Phase B — ein Verfahren der Erfahrungsheilkunde, das im Bioresonanz-Artikel nach Dr. Rummel ausführlich beschrieben ist. Beide teilen lediglich die zugrundeliegende Idee, sind aber pharmakologisch nicht dasselbe und dürfen nicht gleichgesetzt werden. Zur Bioresonanz beim Clusterkopfschmerz gibt es keine Studien. Sie gehört zur Erfahrungsheilkunde und versteht sich als Ergänzung zur leitliniengerechten Behandlung, nicht als Ersatz. Ähnlich wie ich es beim Hörsturz beschreibe, wo virale Reaktivierungen als möglicher Mitauslöser diskutiert werden, gilt auch hier: Die Evidenz stammt aus dem Bereich der Erfahrungsheilkunde und aus Einzelfallbeobachtungen — nicht aus kontrollierten Studien.

Eine eigene Beobachtung aus der Praxis

Gelegentlich hat man als Arzt Fälle, die nachdenklich machen. In meiner Praxis sah ich einen Patienten mit seit Jahren wiederkehrendem attackenartigem Schmerz, stets auf derselben Seite, der sich schnell und zuverlässig auf Sauerstoff zurückbildete. Dieses Ansprechen passt gut zu einer trigeminoautonomen Erkrankung. Die Arbeitsdiagnose mehrerer Neurologen lautet Clusterkopfschmerzen. In einer akuten Episode kam, angelehnt an Rummels Herpesneuritis-Schema, eine antivirale Therapie (Valaciclovir) zusammen mit einem entzündungshemmenden Schmerzmittel zum Einsatz. Die Beschwerden besserten sich im Verlauf weniger Tage.

Das ist eine Einzelbeobachtung (n=1), ohne Kontrollgruppe, ohne Voruntersuchung auf virale Serologie in dieser Episode, mit unbekanntem Anteil Spontanverlauf. Es wäre falsch, daraus eine Behandlungsempfehlung abzuleiten. Es wäre aber auch falsch, es zu verschweigen. Die Beobachtung deckt sich inhaltlich mit dem Bernardes-Fallbericht. Ob ein viraler Trigger vorlag, eine Cluster-Episode gerade spontan endete oder das entzündungshemmende Schmerzmittel analgetisch wirkte, lässt sich im Nachhinein nicht trennen. Bei ähnlichen Fällen sollten künftig vorher eine HSV/VZV-Serologie und eine Rhinoskopie gemacht und der Verlauf genau dokumentiert werden.


Warnsignale: Wann sofort handeln

Einige Konstellationen beim Clusterkopfschmerz erfordern sofortiges Handeln. Dann ist nicht der nächste reguläre Arzttermin gefragt, rufen Sie sofort den Rettungsdienst (Notruf 112).

  • Erstmals auftretender Vernichtungskopfschmerz, schlagartig wie ein Hammerschlag, der schlimmste Kopfschmerz des Lebens. Dann muss eine Hirnblutung (Subarachnoidalblutung) ausgeschlossen werden, sofort in der Notaufnahme.
  • Begleitende einseitige Lähmung oder Taubheit im Gesicht, Arm oder Bein.
  • Sprach- oder Sehstörungen, Doppelbilder.
  • Bewusstseinsstörung oder Verwirrtheit.
  • Beidseitiger Schmerz bei einem Patienten, der sonst einseitig leidet, als Warnzeichen für eine strukturelle Ursache.

Auch ohne Notfallsituation gilt: Wer zum ersten Mal eine Attacke mit den beschriebenen Charakteristika erlebt, sollte zeitnah neurologisch und HNO-ärztlich abgeklärt werden. Erst eine gesicherte Diagnose ermöglicht eine wirksame Therapie und erspart oft jahrelange Irrwege.


Was Sie selbst tun können

Beim Clusterkopfschmerz reicht Selbstbehandlung nicht aus. Einiges können Sie aber selbst tun.

Wenn Ihr Arzt Sauerstoff als Akutmittel verschrieben hat, sollten Sie das Sauerstoffset zu Hause immer griffbereit haben, im Schlafzimmer, wenn die Attacken nachts kommen.

Führen Sie ein Attacken-Tagebuch mit Zeitpunkt, Dauer, Stärke und Seite der Attacken, dem Medikament und seiner Wirkung. Es ist die Grundlage für jede Therapieanpassung und hilft, Trigger zu erkennen. Vor allem während einer aktiven Cluster-Phase können Alkohol oder bestimmte Gerüche Attacken auslösen.

Meiden Sie Alkohol in aktiven Cluster-Phasen konsequent, denn selbst kleine Mengen können eine Attacke provozieren. In Remissions-Phasen ist die Empfindlichkeit oft deutlich geringer.

Achten Sie auf einen gleichmäßigen Schlafrhythmus. Attacken aus dem Schlaf heraus sind typisch, und unregelmäßiger Schlaf kann sie häufiger machen.

Auch Patientenorganisationen können helfen. Der Bundesverband Clusterkopfschmerz (www.clusterkopf.de) bietet gutes Informationsmaterial und den Austausch mit Betroffenen, die Ähnliches erlebt haben. Viele Patienten unterschätzen, wie sehr das entlasten kann.


Wann in die HNO-Praxis, wann zum Neurologen?

Die HNO-Praxis ist beim Clusterkopfschmerz nicht die erste Anlaufstelle. Bei Verdacht auf Clusterkopfschmerz oder eine andere trigeminoautonome Erkrankung empfiehlt sich die Vorstellung in der Neurologie, denn dort liegen die Diagnosebestätigung und die Langzeitprophylaxe.

Wer bereits eine neurologische Diagnose hat, aber wegen atypischer Beschwerden (retroaurikulärer Schmerz, Ohrfülle, Tinnitus) unsicher ist, ob noch etwas anderes vorliegt, ist in der HNO-Praxis richtig.


Häufige Fragen

Kann ein Clusterkopfschmerz-Patient während einer Attacke Auto fahren?
Nein. Eine Attacke ist so schmerzhaft und begleitet von solcher Unruhe, dass sichere Konzentration unmöglich ist. Ein Patient mit aktiver Attacke kann und muss die Fahrt sofort unterbrechen und sich an einen sicheren Ort begeben. Wer regelmäßig Attacken hat, sollte mit seinem Arzt klären, ob Fahruntauglichkeit vorliegt.
Ist Clusterkopfschmerz lebensgefährlich?
Der primäre, leitliniengerechte Clusterkopfschmerz selbst ist nicht unmittelbar lebensbedrohlich. Allerdings ist die emotionale Belastung in schweren Phasen so erheblich, dass die Rate der Suizidgedanken erhöht ist. Deshalb eilen Diagnose und wirksame Therapie besonders. Wer Gedanken hegt, sich selbst zu verletzen, sollte sofort die Telefonseelsorge anrufen (0800 1110111 oder 0800 1110222) oder in die nächste Notaufnahme gehen.
Kann Clusterkopfschmerz geheilt werden?
Eine Heilung im klassischen Sinne gibt es nicht, die Erkrankung lässt sich aber oft gut kontrollieren. Mit Verapamil und anderen Prophylaktika lassen sich Attacken häufig deutlich reduzieren, bei manchen Patienten sogar ganz zum Stillstand bringen. Dazu gehören eine leitliniengerechte Behandlung unter ärztlicher Kontrolle und ein Attacken-Tagebuch, mit dem sich die Wirksamkeit verfolgen lässt.
Wie lange dauert eine typische Cluster-Phase?
Das ist individuell sehr unterschiedlich. Eine Phase kann von Wochen bis zu Monaten andauern. Manche Patienten haben Remissionen von Jahren. Rund 85 % der Patienten haben den episodischen Typ, also gibt es schmerzfreie Pausen zwischen den Phasen. Der chronische Typ (etwa 10 bis 15 % der Patienten) hat kürzere oder gar keine Remissionen.
Spielt Herpes eine Rolle beim Clusterkopfschmerz?
Das ist eine bisher ungeklärte Forschungshypothese. Es gibt einen veröffentlichten Fallbericht über einen Patienten mit clusterartigem Schmerz und gleichzeitig nachgewiesenem Herpes simplex, der auf eine antivirale Therapie ansprach, dazu zwei ältere Einzelbeobachtungen. Der Evidenzgrad ist Level IV (Einzelfall). Für den typischen primären Clusterkopfschmerz ist das kein etablierter Auslöser. Als HNO-Arzt prüfe ich bei Verdacht mittels Rhinoskopie nach intranasalen Herpesbefunden, das ist aber eine Ausnahme und gehört nicht zur Routinediagnostik.

  1. Headache Classification Committee of the International Headache Society (IHS). The International Classification of Headache Disorders, 3rd edition. Cephalalgia. 2018;38(1):1–211. PMID: 29368949. DOI: 10.1177/0333102417738202. ↩︎ ↩︎ ↩︎ ↩︎ ↩︎ ↩︎ ↩︎ ↩︎

  2. Fischera M, Marziniak M, Gralow I, Evers S. The incidence and prevalence of cluster headache: a meta-analysis of population-based studies. Cephalalgia. 2008;28(6):614–618. PMID: 18422717. DOI: 10.1111/j.1468-2982.2008.01592.x. ↩︎ ↩︎ ↩︎

  3. Ekbom K, Svensson DA, Träff H, Waldenlind E. Age at onset and sex ratio in cluster headache: observations over three decades. Cephalalgia. 2002;22(2):94–100. PMID: 11972575. DOI: 10.1046/j.1468-2982.2002.00318.x. ↩︎

  4. Hoffmann J, May A. Diagnosis, pathophysiology, and management of cluster headache. Lancet Neurol. 2018;17(1):75–83. PMID: 29174963. DOI: 10.1016/S1474-4422(17)30405-2. ↩︎ ↩︎ ↩︎

  5. May A. Diagnosis and clinical features of trigemino-autonomic headaches. Headache. 2013;53(9):1470–1478. PMID: 24090530. DOI: 10.1111/head.12213. ↩︎ ↩︎

  6. May A, Evers S, Goadsby PJ et al. European Academy of Neurology guidelines on the treatment of cluster headache. Eur J Neurol. 2023;30(10):2955–2979. PMID: 37515405. DOI: 10.1111/ene.15956. ↩︎ ↩︎ ↩︎ ↩︎ ↩︎ ↩︎ ↩︎ ↩︎ ↩︎ ↩︎ ↩︎ ↩︎ ↩︎ ↩︎ ↩︎

  7. Cohen AS, Burns B, Goadsby PJ. High-flow oxygen for treatment of cluster headache: a randomized trial. JAMA. 2009;302(22):2451–2457. PMID: 19996400. DOI: 10.1001/jama.2009.1855. ↩︎

  8. Deutsche Gesellschaft für Neurologie. S1-Leitlinie Clusterkopfschmerz und trigeminoautonome Kopfschmerzen. AWMF-Registernummer 030/036, 2015. ↩︎

  9. Robbins MS, Starling AJ, Pringsheim TM, Becker WJ, Schwedt TJ. Treatment of cluster headache: The American Headache Society evidence-based guidelines. Headache. 2016;56(7):1093–1106. PMID: 27432623. DOI: 10.1111/head.12866. ↩︎ ↩︎ ↩︎ ↩︎ ↩︎

  10. Leone M, D’Amico D, Frediani F et al. Verapamil in the prophylaxis of episodic cluster headache: a double-blind study versus placebo. Neurology. 2000;54(6):1382–1385. PMID: 10746617. DOI: 10.1212/WNL.54.6.1382. ↩︎

  11. Gemeinsamer Bundesausschuss. Beschluss vom 16.08.2012 über eine Änderung der Arzneimittel-Richtlinie, Anlage VI Teil A (Off-Label-Use): Verapamil zur Prophylaxe des Clusterkopfschmerzes. https://www.g-ba.de/beschluesse/1551/ ↩︎

  12. Goadsby PJ, Dodick DW, Leone M et al. Trial of galcanezumab in prevention of episodic cluster headache. N Engl J Med. 2019;381(2):132–141. PMID: 31291515. DOI: 10.1056/NEJMoa1813440. ↩︎

  13. Theil D, Derfuss T, Paripovic I et al. Latent herpesvirus infection in human trigeminal ganglia causes chronic immune response. Am J Pathol. 2003;163(6):2179–2184. PMID: 14633592. DOI: 10.1016/S0002-9440(10)63575-4. ↩︎

  14. Bernardes LS, Oliveira RD, Peres MFP. Cluster headache due to intranasal herpes simplex: a case report. Headache Medicine. 2021;12(2):141–143. DOI: 10.48208/HeadacheMed.2021.25. (Evidenzgrad: Einzelfallbericht, Level IV.) ↩︎

  15. Barton SE, Parkin JM, Goldmeier D. Cluster headache and herpes simplex. Br Med J (Clin Res Ed). 1985;291(6490):284. DOI: 10.1136/bmj.291.6490.284-b. (Level IV.) ↩︎

  16. Hardebo JE. An association between cluster headache and herpes simplex. N Engl J Med. 1986;314(5):316. PMID: 3941723. DOI: 10.1056/NEJM198601303140512. (Level IV.) ↩︎