Der Hörsturz ist in Deutschland häufiger als oft angenommen. Die jährliche Inzidenz liegt bei 160 bis 400 Fällen pro 100.000 Einwohner, das entspricht rund 150.000 bis 160.000 Neuerkrankungen pro Jahr, mit steigender Tendenz.1 Wer morgens aufwacht und auf einem Ohr kaum noch etwas hört, sollte nicht abwarten.

Die intratympanale Kortikoidtherapie, kurz ITC, ist eine Methode, bei der Kortison nicht als Tablette oder Infusion gegeben wird, sondern direkt ins Mittelohr. Sie erreicht ein Vielfaches der Wirkstoffkonzentration am Innenohr bei gleichzeitig minimaler Belastung des Körpers. In meiner Praxis in Saarlouis setze ich dieses Verfahren seit 2005 ein - früh für den niedergelassenen Bereich und bis heute ein fester Bestandteil meiner Hörsturztherapie.


Was ist ein Hörsturz?

Ein Hörsturz ist ein plötzlicher, meist einseitiger Hörverlust ohne erkennbare äußere Ursache. Er tritt oft ohne Vorwarnung auf, manchmal verbunden mit Ohrgeräuschen (Tinnitus), einem Druckgefühl im Ohr oder leichtem Schwindel.

Der Häufigkeitsgipfel liegt um das 50. Lebensjahr. Rund 75 % der Betroffenen sind älter als 40 Jahre.1 Als Risikofaktoren werden Stress, Bluthochdruck, Rauchen und Diabetes diskutiert. Klassische Durchblutungsstörungen als vaskuläre Ursache gelten heute dagegen als wissenschaftlich nicht ausreichend belegt.

Eine aktuelle Metaanalyse (Chaushu et al., 2023) zeigt eine Spontanheilungsrate von durchschnittlich 60 %, die meisten Erholungen innerhalb der ersten zwei Wochen.2 Das klingt nach einer guten Ausgangslage, birgt aber eine Gefahr: Wer auf Spontanheilung wartet, verliert wertvolle Zeit. Die Behandlungsergebnisse verschlechtern sich nachweisbar mit jeder Woche Verzögerung, und wir wissen im Einzelfall nicht, wer zu den 60 % gehört und wer nicht.

Mehr zur Diagnostik und den Warnsignalen: Hörsturz: Die ersten 48 Stunden entscheiden

Warum direkt ins Ohr?

Die Standardtherapie beim Hörsturz ist eine hochdosierte Kortisongabe als Infusion oder Tablette. Der Wirkstoff gelangt dabei über die Blutbahn zum Innenohr.

Das Problem: Die Blutversorgung des Innenohrs ist anatomisch besonders und erschwert den Wirkstofftransport erheblich. Messungen zeigen, dass die intratympanale Gabe 80- bis 1.200-fach höhere Wirkstoffspiegel in der Perilymphe, also der Flüssigkeit des Innenohrs, erreicht als die systemische Therapie.3 Intravenös verabreichtes Dexamethason kommt im Innenohr auf etwa 0,016 mg/l - per Injektion ins Mittelohr dagegen auf 1,4 mg/l.3

Gleichzeitig belastet die hochdosierte systemische Gabe den ganzen Körper: Schlafstörungen, Blutzuckeranstieg, Stimmungsschwankungen und Magenreizungen sind bekannte Nebenwirkungen. Die ITC umgeht diese systemische Belastung weitgehend.

Die wegweisende klinische Studie von Rauch et al. (2011), ein randomisierter Vergleich an 250 Patienten, belegte die Gleichwertigkeit beider Verfahren: mittlere Hörverbesserung 30,7 dB unter oraler Kortisongabe, 28,7 dB unter ITC, bei vergleichbaren Ansprechraten von über 75 %.4 Die ITC ist also nicht schlechter als Tabletten oder Infusionen, verursacht aber deutlich weniger systemische Belastung.

Besonderer Vorteil für Diabetiker

Einer der wichtigsten Vorzüge der ITC ist ihr Profil bei Patienten mit Diabetes mellitus.

Systemisches Kortison erhöht den Blutzucker erheblich: Unter systemischer Therapie steigen die Werte bei 100 % der Diabetiker und bei bis zu 67 % der Nicht-Diabetiker über 126 mg/dl. In der Literatur sind Spitzenwerte bis 518 mg/dl dokumentiert.1 Das erfordert intensive Überwachung und häufig eine Anpassung der Insulintherapie.

Die intratympanale Kortikoidtherapie wirkt lokal, tritt kaum in die Blutbahn über und hat praktisch keinen Effekt auf den Blutzucker. Daten zeigen, dass Diabetiker unter lokaler Kortisongabe sogar bessere Hörverbesserungen erreichen (90,9 %) als unter intravenöser Gabe (75,8 %), bei gleichzeitig stabilen Blutzuckerwerten.1

Für Diabetiker, die einen Hörsturz erleiden, ist die ITC damit nicht nur die sicherere, sondern häufig auch die wirksamere Therapieoption. Das gilt ebenso für Patienten mit Bluthochdruck, Glaukom, Magengeschwüren in der Vorgeschichte oder anderen Zuständen, bei denen systemische Kortisongaben ein erhöhtes Risiko darstellen.

Wann wird die ITC eingesetzt?

Als Rescue-Therapie

Wenn eine systemische Kortisongabe nicht ausreichend angeschlagen hat, kann die ITC noch einige Wochen nach dem Hörsturz eingesetzt werden. Als Salvage-Therapie führt sie bei rund 38 bis 40 % der Patienten zu einer zusätzlichen Erholung des Hörvermögens. Die Wahrscheinlichkeit einer Besserung ist dabei mehr als fünfmal so hoch wie ohne weitere Behandlung.5

Entscheidend ist das Timing. Die Erfolgsraten sinken deutlich mit zunehmender Verzögerung:

Beginn der ITCErfolgsrate
Tag 1 bis 3ca. 79 %
Tag 4 bis 18deutlich abnehmend
Nach Tag 29ca. 18 %

Als klinisch kritische Grenze gilt ein Beginn innerhalb von 18 Tagen nach Symptombeginn. Eine gewisse Wirksamkeit ist in der Literatur noch bis zu 7 Wochen nach dem Ereignis belegt, allerdings mit deutlich niedrigeren Raten.5

Als Primärtherapie

Wenn eine systemische Gabe von vornherein nicht möglich ist, zum Beispiel bei Diabetikern oder anderen Kontraindikationen, kann die ITC direkt als erste Behandlungsoption eingesetzt werden. Rauch et al. (2011) bestätigen die Nicht-Unterlegenheit der ITC als Primärtherapie.4 Ein Cochrane-Review (Plontke et al., 2022) sieht allerdings keinen signifikanten Zusatznutzen der alleinigen ITC gegenüber systemischen Steroiden als Ersttherapie.6 Besonders empfohlen wird die Primär-ITC bei schwerem bis profundem Hörverlust sowie bei zwingenden Kontraindikationen.

Kombinationstherapie

In manchen Fällen werden systemische Gabe und ITC kombiniert. Eine Cochrane-Auswertung (2022) fand eine zusätzliche Hörverbesserung von etwa 8,5 bis 9 dB durch die Kombination gegenüber alleiniger systemischer Gabe.6 Andere Studien an über 1.000 Patienten zeigten keinen signifikanten Unterschied. Die Kombination kann individuell sinnvoll sein und wird situativ eingesetzt.

In der HNO-Praxis Dr. Dewes in Saarlouis wird die intratympanale Kortikoidtherapie seit 2005 eingesetzt, als Primärtherapie bei entsprechender Indikation und als Rescue-Therapie nach unzureichendem Ansprechen auf systemisches Kortison.

Wie läuft die Behandlung ab?

Die ITC findet ambulant in der Praxis statt und ist für die meisten Patienten gut verträglich.

Zunächst wird das Trommelfell lokal betäubt. Dann wird mit einer sehr feinen Nadel eine kleine Menge kortikoidhaltiger Lösung durch das Trommelfell in den Mittelohrraum injiziert. Die eigentliche Injektion dauert nur wenige Sekunden.

Anschließend liegt der Patient für etwa 20 bis 30 Minuten ruhig auf der Seite, damit die Flüssigkeit Zeit hat, durch das runde Fenster ins Innenohr zu diffundieren. Während dieser Ruhephase sollte nicht geschluckt werden, um den Abfluss über die Eustachische Röhre zu verhindern.

Üblich sind drei bis fünf Sitzungen. Das sogenannte Halle-Schema sieht fünf Injektionen vor, täglich oder über zwei Wochen verteilt. Nach den Sitzungen können vorübergehend leichter Schwindel oder ein Druckgefühl im Ohr auftreten. Das Trommelfell schließt sich in aller Regel selbst.

ITC bei Tinnitus als Begleitsymptom

Wenn ein Tinnitus gemeinsam mit dem Hörsturz aufgetreten ist, profitiert er häufig mit von der ITC-Behandlung: Bei bis zu 79 % dieser Patienten bessert sich der Tinnitus unter der Therapie.1

Für einen isolierten akuten Tinnitus ohne gleichzeitigen Hörverlust ist die Evidenzlage dagegen schwächer. Eine Metaanalyse von vier randomisierten Studien fand keinen Beleg für eine Überlegenheit der ITC gegenüber Placebo. Die S3-Leitlinie Tinnitus (2021/22) empfiehlt in diesem Fall ausdrücklich keine medikamentöse Therapie. Für chronischen Tinnitus, der seit Monaten oder Jahren besteht, ist die ITC keine geeignete Behandlung.

Was kostet die ITC?

Die intratympanale Kortikoidtherapie gehört nicht zum Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherungen. Die Anwendung von Kortison für diese Indikation erfolgt im sogenannten Off-Label-Use, der gesetzlich nicht zu Lasten der GKV abrechenbar ist. Gesetzlich Versicherte zahlen die Behandlung als Selbstzahlerleistung.

Private Krankenversicherungen übernehmen die Kosten in den meisten Fällen. Eine Rückfrage bei der eigenen Versicherung vor der Behandlung ist empfehlenswert.

Die konkreten Kosten bespreche ich nach der Untersuchung in der Praxis.

Häufige Fragen zur ITC

Wie zeitkritisch ist die Behandlung?

Sehr zeitkritisch. Bei Beginn der ITC innerhalb der ersten drei Tage liegen die Erfolgsraten bei etwa 79 %, nach dem 29. Tag noch bei etwa 18 %.5 Das gilt sinngemäß für jeden Therapiebeginn beim Hörsturz: sofort zum HNO-Arzt, nicht abwarten.

Bleibt ein Loch im Trommelfell?

Die Einstichstelle schließt sich in aller Regel innerhalb weniger Stunden bis Tage selbst. In aktuellen Registern werden persistierende Trommelfellperforationen bei etwa 2,1 % der Behandlungen angegeben.1 Bei begründetem Verdacht auf eine erhöhte Heilungsstörung spreche ich das vorab an.

Wie viele Sitzungen sind notwendig?

Üblich sind drei bis fünf Sitzungen. Das etablierte Halle-Schema sieht fünf Injektionen vor, täglich oder über zwei Wochen verteilt. Wie viele im Einzelfall sinnvoll sind, hängt vom Verlauf und vom Ansprechen auf die Therapie ab.

Wie schnell ist eine Verbesserung spürbar?

Das Hörvermögen kann sich bereits nach wenigen Sitzungen verbessern. Die vollständige Einschätzung ist nach Abschluss der Behandlung und audiometrischer Kontrolle möglich. Nicht bei allen Patienten tritt eine vollständige Erholung ein. Ich lege Wert auf eine ehrliche Kommunikation über den zu erwartenden Verlauf.

Kann ich gleichzeitig Kortison systemisch nehmen?

In manchen Fällen werden beide Therapiepfade kombiniert. Ein Cochrane-Review zeigt einen möglichen Zusatzgewinn von rund 9 dB in der Hörschwelle.6 Die Entscheidung wird individuell nach Untersuchung und Besprechung der Vorgeschichte getroffen.


Haben Sie plötzlich auf einem Ohr schlechter gehört oder leiden Sie unter einem frisch aufgetretenen Tinnitus? Bitte zögern Sie nicht. In der HNO-Praxis Dr. Dewes in Saarlouis stehen Ihnen sofortige audiometrische Abklärung und, bei entsprechender Indikation, die intratympanale Kortikoidtherapie zur Verfügung.

Vereinbaren Sie Ihren Termin bequem online unter drdewes.de/online-termine oder rufen Sie uns an: 06831 2055.


Quellen


Termin vereinbarenAlle Leistungen im Überblick


  1. Hesse G, Kastellis G (2024): Plötzliche Hörminderung - Der Hörsturz und seine Behandlung. Deutsche Tinnitus-Liga e.V., Wuppertal. ↩︎ ↩︎ ↩︎ ↩︎ ↩︎ ↩︎

  2. Chaushu H, Muhanna N, Migirov L et al. (2023): Spontaneous recovery rate of idiopathic sudden sensorineural hearing loss: A systematic review and meta-analysis. Clinical Otolaryngology. ↩︎

  3. Bird PA, Begg EJ, Zhang M et al. (2011): Intratympanic versus intravenous delivery of methylprednisolone to cochlear perilymph. Otology & Neurotology 32(3):460-465. ↩︎ ↩︎

  4. Rauch SD, Halpin CF, Antonelli PJ et al. (2011): Oral vs intratympanic corticosteroid therapy for idiopathic sudden sensorineural hearing loss: a randomized trial. JAMA 305(20):2071-2079. ↩︎ ↩︎

  5. Hofmann VM et al. (2020): Reservetherapie der akuten idiopathischen Ertaubung mit intratympanalen Kortikosteroiden. HNO 68:891-898. ↩︎ ↩︎ ↩︎

  6. Plontke SK, Meißner W, Agrawal S et al. (2022): Intratympanic corticosteroids for sudden sensorineural hearing loss. Cochrane Database of Systematic Reviews. ↩︎ ↩︎ ↩︎