Es beginnt oft aus heiterem Himmel: Plötzlich dreht sich alles, der Boden scheint zu schwanken, dazu kommen Übelkeit, ein dumpfes Gefühl im Ohr und ein Rauschen oder Pfeifen, das vorher nicht da war. Nach Minuten bis Stunden klingt der Spuk wieder ab — und kehrt Wochen oder Monate später zurück. Viele Betroffene durchlaufen eine lange Zeit der Unsicherheit, bis endlich ein Name fällt: Morbus Menière.
Als HNO-Arzt erlebe ich in meiner Praxis in Saarlouis immer wieder Menschen, die diese Anfälle als zutiefst beängstigend beschreiben — und denen bis dahin niemand richtig erklärt hat, was dahintersteckt. Das möchte ich hier nachholen: verständlich, ehrlich und ohne Panik.
Was ist Morbus Menière?
Morbus Menière ist eine Erkrankung des Innenohrs. Das Innenohr ist ein erstaunlich vielseitiges Organ: Es ist nicht nur für das Hören zuständig, sondern beherbergt auch das Gleichgewichtsorgan. Genau deshalb betrifft die Erkrankung beides — das Hören und das Gleichgewicht.
Benannt ist sie nach dem französischen Arzt Prosper Menière, der den Zusammenhang bereits im 19. Jahrhundert beschrieb. Heute wissen wir: Den Beschwerden liegt eine Störung im Flüssigkeitssystem des Innenohrs zugrunde (dazu unten mehr). Die Erkrankung beginnt meist im mittleren Lebensalter, häufig zwischen dem 40. und 60. Lebensjahr, und betrifft in der Regel zunächst nur ein Ohr.
Eines ist mir an dieser Stelle wichtig: Morbus Menière ist nach heutigem Stand nicht heilbar. Das klingt zunächst entmutigend — ist es aber nicht. Denn die Erkrankung ist gut behandelbar. In den allermeisten Fällen lassen sich die Anfälle seltener und milder machen, und der Verlauf wird über die Jahre oft ruhiger.
Die Symptome: drei Leitbeschwerden und ein Begleiter
Typisch für Morbus Menière ist, dass mehrere Beschwerden gemeinsam auftreten — vor allem während eines Anfalls:
- Drehschwindel-Attacken. Ein heftiges Gefühl, dass sich die Umgebung dreht, oft mit Übelkeit und Erbrechen. Dieser Schwindel kommt anfallsartig, nicht als Dauerzustand.
- Hörminderung. Das Hören auf dem betroffenen Ohr verschlechtert sich, häufig schwankend — mal besser, mal schlechter. Betroffen sind oft zuerst die tiefen Töne.
- Ohrgeräusch (Tinnitus). Ein Rauschen, Brummen oder Pfeifen, das im Anfall lauter werden kann. Mehr dazu, woher Ohrgeräusche kommen, lesen Sie im Beitrag Tinnitus: Ursachen, Symptome und wann zum HNO-Arzt.
- Druck- oder Völlegefühl im Ohr. Viele Betroffene spüren, dass sich ein Anfall ankündigt — das Ohr fühlt sich „verstopft" oder unter Druck an.
Nicht jeder erlebt alle Beschwerden gleich stark, und sie können sich im Verlauf verändern. Charakteristisch ist aber das Zusammenspiel von Schwindel und Ohrsymptomen — daran unterscheidet sich Morbus Menière von vielen anderen Schwindelformen.
Wie ein Menière-Anfall abläuft
Ein typischer Anfall dauert zwischen etwa 20 Minuten und mehreren Stunden.1 Er beginnt häufig mit dem beschriebenen Druckgefühl im Ohr, dann setzt der Drehschwindel ein. Viele Betroffene müssen sich hinlegen, ihnen ist übel, manche erbrechen. Nach dem Anfall folgt oft eine Phase der Erschöpfung, die noch Stunden anhalten kann.
Wichtig: Der Schwindel beim Morbus Menière wird nicht durch eine bestimmte Kopfbewegung ausgelöst. Das unterscheidet ihn vom gutartigen Lagerungsschwindel, bei dem kurze Schwindelattacken gezielt durch Lagewechsel entstehen — etwa beim Hinlegen oder Umdrehen im Bett. Wie sich der Lagerungsschwindel anfühlt und behandeln lässt, beschreibe ich im Beitrag Lagerungsschwindel selbst behandeln; ausführliche Informationen dazu finden Sie außerdem auf der Spezialseite lagerungsschwindel.com.
Selten kommt es bei Morbus Menière zu plötzlichen Sturzattacken ohne Vorwarnung. Solche Ereignisse sollten Sie unbedingt ärztlich abklären lassen, weil sie ein Verletzungsrisiko bergen.
Woher die Beschwerden kommen
Das Innenohr ist mit Flüssigkeit gefüllt. Beim Morbus Menière gerät dieses Flüssigkeitssystem aus dem Gleichgewicht — Fachleute sprechen von einem endolymphatischen Hydrops, also einer Art „Überdruck" im Innenohr. Dieser Druck stört die feinen Sinneszellen, die für Hören und Gleichgewicht zuständig sind. Das erklärt, warum beide Funktionen betroffen sind.
Warum es überhaupt zu diesem Hydrops kommt, ist bis heute nicht abschließend geklärt. Diskutiert werden unter anderem Störungen im Flüssigkeitshaushalt des Innenohrs, Durchblutungsfaktoren, Entzündungs- und Autoimmunprozesse sowie eine erbliche Veranlagung. In vielen Fällen lässt sich keine einzelne Ursache benennen — und das ist keine Lücke Ihrer Untersuchung, sondern Stand des Wissens.
Wie die Diagnose gestellt wird
Es gibt keinen einzelnen Test, der Morbus Menière beweist. Die Diagnose ist eine Ausschlussdiagnose: Sie ergibt sich aus dem typischen Beschwerdebild — und daraus, dass andere Ursachen ausgeschlossen wurden. In der Praxis gehe ich dabei in mehreren Schritten vor:
- Ausführliches Gespräch. Wie lange dauern die Anfälle? Was löst sie aus? Treten Hörveränderungen und Ohrgeräusche gemeinsam mit dem Schwindel auf? Diese Schilderung ist der wichtigste Baustein.
- Hörtest (Audiometrie). Eine schwankende Hörminderung, oft im Tieftonbereich, ist ein wichtiger Hinweis.
- Gleichgewichtsdiagnostik. Mit Verfahren wie der Videonystagmographie und dem Video-Kopfimpulstest (vHIT) lässt sich das Gleichgewichtsorgan gezielt prüfen. Welche Untersuchungen dazugehören, beschreibe ich auf der Seite Hör- und Gleichgewichtsstörungen.
Für die Einordnung haben internationale Fachgesellschaften klare Kriterien festgelegt — unter anderem die genannte Anfallsdauer und der Nachweis der Hörminderung im betroffenen Ohr.1
Ein zentraler Teil der Diagnostik ist die Abgrenzung zu anderen Erkrankungen, die ähnliche Beschwerden machen können: die vestibuläre Migräne, der gutartige Lagerungsschwindel, eine Entzündung des Gleichgewichtsnervs (Neuritis vestibularis) oder ein Hörsturz. Diese Unterscheidung ist nicht nur akademisch — sie entscheidet über die richtige Behandlung.
Die Behandlung: ein Stufenkonzept
Da Morbus Menière nicht heilbar ist, hat die Behandlung andere, sehr konkrete Ziele: die Anfälle seltener und milder zu machen, das Hörvermögen so gut wie möglich zu schützen und die Lebensqualität zu erhalten. Man geht dabei in Stufen vor und beginnt mit den schonendsten Maßnahmen.23
Im akuten Anfall stehen Medikamente gegen Schwindel und Übelkeit zur Verfügung. Sie lindern die Beschwerden, sollten aber nur kurzfristig eingesetzt werden.
Als Basis spielen Lebensstilfaktoren eine Rolle: ein bewusster Umgang mit Salz, regelmäßige Mahlzeiten und ausreichend Schlaf, das Erkennen persönlicher Auslöser sowie der Abbau von Stress. Häufig wird zusätzlich der Wirkstoff Betahistin verordnet. Hier bin ich gern ehrlich: Betahistin ist in Deutschland weit verbreitet, eine große, sorgfältig angelegte Studie konnte aber keinen Vorteil gegenüber einem Scheinmedikament nachweisen.4 Ob ein Versuch sinnvoll ist, bespreche ich deshalb individuell — ohne übertriebene Erwartung.
Reichen diese Maßnahmen nicht aus, kommt die intratympanale Therapie infrage: Dabei wird ein Medikament direkt ins Mittelohr gegeben, von wo es ans Innenohr gelangt. Die gehörschonende Variante ist die Gabe von Kortison — die intratympanale Kortikoidtherapie ist seit 2005 ein Schwerpunkt meiner Praxis. Bei besonders hartnäckigen Verläufen kann stattdessen ein gezielt das Gleichgewichtsorgan ausschaltender Wirkstoff (Gentamicin) eingesetzt werden; er wirkt gut gegen den Schwindel, ist aber mit einem Risiko für das Hören verbunden und will daher gut abgewogen sein.2
Operative Verfahren bleiben seltenen, sehr schweren Fällen vorbehalten, in denen alle anderen Maßnahmen ausgeschöpft sind. Und wenn das Hören dauerhaft nachgelassen hat, hilft die Hörrehabilitation — vom Hörgerät bis, bei hochgradigem Verlust, zum Cochlea-Implantat.
Welche Stufe für Sie die richtige ist, hängt vom Verlauf, vom Hörvermögen und von Ihren persönlichen Umständen ab. Das ist immer eine gemeinsame Entscheidung.
Was Sie selbst tun können
Auch wenn Sie die Erkrankung nicht „wegtrainieren" können, sind Sie ihr nicht hilflos ausgeliefert:
- Auslöser kennenlernen. Ein kurzes Anfalls-Tagebuch hilft, persönliche Muster zu erkennen — etwa Stress, Schlafmangel oder bestimmte Situationen.
- Auf einen ruhigen Alltag achten. Regelmäßiger Schlaf, ausgewogene Ernährung mit bewusstem Salzkonsum und Stressabbau wirken sich bei vielen Betroffenen günstig aus.
- Im Anfall sicher verhalten. Setzen oder legen Sie sich hin, bis der Schwindel abklingt. Fahren Sie während eines Anfalls auf keinen Fall Auto.
- Geduld haben. Der Verlauf ist oft schubweise, und viele Betroffene erleben, dass die Anfälle über die Jahre seltener werden.
Wann Sie ärztliche Hilfe brauchen — und wann sofort
Wenn Sie zum ersten Mal einen Drehschwindel mit einer Hörverschlechterung erleben, sollten Sie zeitnah einen HNO-Arzt aufsuchen. Dahinter kann auch ein Hörsturz stecken, bei dem die ersten Tage für die Behandlung entscheidend sind.
In folgenden Fällen gilt: sofort den Notruf 112 wählen. Treten zusammen mit dem Schwindel Symptome wie eine einseitige Lähmung oder Taubheit, Sprach- oder Sehstörungen, Doppelbilder, eine ungewohnt starke Kopfschmerzattacke oder eine Bewusstseinsstörung auf, kann ein Schlaganfall die Ursache sein. Dann zählt jede Minute — und die Abklärung gehört nicht in die HNO-Praxis, sondern in die Notaufnahme.
Für alles andere gilt: Lassen Sie wiederkehrenden Schwindel in Ruhe abklären. Je genauer die Diagnose, desto gezielter die Behandlung — und desto eher kommen Sie wieder zu einem sicheren Alltag.
Häufige Fragen
Ist Morbus Menière heilbar? Nein, nach heutigem Stand ist die Erkrankung nicht heilbar. Sie ist aber gut behandelbar: Die Anfälle lassen sich in den meisten Fällen seltener und milder machen, und der Verlauf wird über die Jahre häufig ruhiger.
Wird man durch Morbus Menière taub? Die Hörminderung auf dem betroffenen Ohr kann im Verlauf zunehmen und teilweise bleiben. Eine vollständige Taubheit ist aber nicht der Regelfall. Wenn das Hören dauerhaft nachlässt, stehen wirksame Möglichkeiten der Hörrehabilitation zur Verfügung.
Darf ich mit Morbus Menière Auto fahren? Zwischen den Anfällen ist Autofahren meist möglich. Während eines Anfalls dürfen Sie auf keinen Fall fahren. Wenn die Attacken häufig und ohne Vorwarnung auftreten, sollten Sie die Fahreignung individuell mit Ihrem Arzt besprechen.
Ist Morbus Menière eine psychische Erkrankung? Nein. Morbus Menière ist eine körperliche Erkrankung des Innenohrs. Stress kann allerdings Anfälle begünstigen — deshalb ist ein ruhiger Alltag ein hilfreicher Baustein der Behandlung.
Was ist der Unterschied zum Lagerungsschwindel? Der gutartige Lagerungsschwindel verursacht sehr kurze Schwindelattacken (Sekunden), die durch Lagewechsel ausgelöst werden, und geht nicht mit Hörverlust einher. Morbus Menière dagegen verursacht längere Anfälle (Minuten bis Stunden) gemeinsam mit Hör- und Ohrsymptomen.
Leiden Sie unter wiederkehrendem Drehschwindel, schwankendem Hörvermögen oder Ohrgeräuschen? In der HNO-Praxis Dr. Dewes in Saarlouis stehen Ihnen die Hör- und Gleichgewichtsdiagnostik (Audiometrie, Videonystagmographie, vHIT) sowie die intratympanale Kortikoidtherapie als langjähriger Praxisschwerpunkt zur Verfügung. Vereinbaren Sie Ihren Termin bequem online unter drdewes.de/online-termine oder rufen Sie uns an: 06831 2055.
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Lopez-Escamez JA, Carey J, Chung WH, et al. Diagnostic criteria for Menière’s disease. Journal of Vestibular Research. 2015;25(1):1–7. (Konsensuskriterien der Bárány Society.) ↩︎ ↩︎
Basura GJ, Adams ME, Monfared A, et al. Clinical Practice Guideline: Ménière’s Disease. Otolaryngology–Head and Neck Surgery. 2020;162(2_suppl):S1–S55. ↩︎ ↩︎
Nevoux J, Barbara M, Dornhoffer J, et al. International consensus (ICON) on treatment of Ménière’s disease. European Annals of Otorhinolaryngology, Head and Neck Diseases. 2018. ↩︎
Adrion C, Fischer CS, Wagner J, et al. Efficacy and safety of betahistine treatment in patients with Menière’s disease (BEMED trial). BMJ. 2016;352:h6816. ↩︎
