Plötzlich schmeckt der Morgenkaffee nach nichts. Der Frühlingsgarten riecht nicht mehr nach Flieder. Der Warngeruch von angebranntem Essen bleibt aus. Riechstörungen klingen nach einem Randproblem — bis man selbst betroffen ist. Dann merken Betroffene schnell, wie tief der Geruchssinn im Alltag, im Genuss und sogar in der Sicherheit verwurzelt ist.

Seit der Corona-Pandemie ist das Thema im Bewusstsein vieler Menschen angekommen. Dabei existieren Riechstörungen weit über COVID-19 hinaus — als Folge von Erkältungen, chronischen Nasenentzündungen, Unfällen oder degenerativen Erkrankungen. In Deutschland sind Schätzungen zufolge etwa 5 % der Bevölkerung von vollständigem Riechverlust betroffen, und weitere 15–25 % haben eine eingeschränkte Riechfunktion.1 Diese Zahlen stehen hinter jedem zweiten Patienten, der in meiner Praxis in Saarlouis sagt: „Ich rieche seit Wochen fast gar nichts mehr."

Dieser Artikel erklärt, was Riechstörungen sind, welche Ursachen dahinterstecken, wie wir sie untersuchen — und warum das sogenannte Hummel-Riechtraining heute die einzige Therapie ist, für die echte, robuste Studiendaten vorliegen.


Was sind Riechstörungen? Grundlagen

Der Geruchssinn ist ein faszinierendes, evolutionär altes System: Duftstoffmoleküle aus der Atemluft binden an Rezeptoren in der Riechschleimhaut tief in der Nase. Von dort leitet der Riechnerv (Nervus olfactorius) die Signale direkt in das limbische System — jenen Hirnbereich, der Emotionen und Gedächtnis verwaltet. Kein anderer Sinn hat diesen unmittelbaren Draht.

Wenn irgendwo in dieser Kette etwas gestört ist — in der Nase selbst, im Riechnerv oder im Gehirn —, entstehen Riechstörungen. Die Medizin unterscheidet mehrere Formen:

Anosmie — vollständiger Riechverlust

Wer gar nichts mehr riecht, hat eine Anosmie. Das kann plötzlich eintreten (etwa nach einer Virusinfektion) oder sich schleichend entwickeln. Anosmie ist die schwerwiegendste Form und geht häufig mit erheblicher Einschränkung der Lebensqualität einher.

Hyposmie — verminderte Riechfähigkeit

Deutlich häufiger als die vollständige Anosmie ist die Hyposmie: Man riecht noch, aber schwächer und unvollständig. Viele Betroffene bemerken die Hyposmie erst, wenn Außenstehende auf einen Geruch aufmerksam machen, den sie selbst nicht wahrnehmen.

Parosmie — der Geruchssinn lügt

Bei der Parosmie ist der Geruchssinn nicht ausgefallen, sondern verzerrt: Vertraute Düfte werden fremd oder unangenehm wahrgenommen. Kaffee riecht nach Benzin, Speisen riechen faulig, obwohl sie frisch sind. Parosmie tritt besonders häufig in der Erholungsphase nach postinfektiösen Riechstörungen auf — auch nach COVID-19 — und ist für Betroffene oft besonders belastend.

Phantosmie — Gerüche ohne Quelle

Noch seltener, aber möglich: die Phantosmie, bei der Gerüche wahrgenommen werden, die objektiv gar nicht vorhanden sind. Diese Form bedarf sorgfältiger neurologischer Abklärung.


Wie häufig sind Riechstörungen?

Riechstörungen sind keine Seltenheit, auch wenn sie im öffentlichen Gespräch lange wenig Aufmerksamkeit bekamen. Epidemiologische Daten aus Deutschland zeigen, dass etwa 5 % der Bevölkerung unter Anosmie leiden und 15–25 % eine geminderte Riechfunktion aufweisen.1 Mit zunehmendem Alter steigt das Risiko deutlich: Normwertdaten der Sniffin’-Sticks-Testung an über 9.000 Probanden belegen eine ausgeprägte altersabhängige Abnahme der Riechleistung, besonders ab dem 60. Lebensjahr.2

COVID-19 hat das Bild verändert. Für viele Patienten war der plötzliche Riechverlust das erste Symptom einer Corona-Infektion — und bei einem Teil blieb er. Zahlen aus europäischen Zentren zeigen, dass nach 6 Monaten noch knapp ein Viertel der initial betroffenen COVID-Patienten messbare Riechstörungen hatte; nach 24 Monaten lagen noch bei 2,9 % objektivierbare Befunde vor, während knapp 30 % subjektiv noch Beschwerden schilderten.3


Häufige Ursachen von Riechstörungen

Die AWMF-Leitlinie Riech- und Schmeckstörungen4 sowie die Übersichtsliteratur gliedern die Ursachen in mehrere Hauptgruppen.

Sinunasale Ursachen — wenn die Nase blockiert

Die häufigste Ursache überhaupt: Erkrankungen der Nase und Nasennebenhöhlen, die den Luftstrom zur Riechschleimhaut unterbrechen oder die Schleimhaut selbst belasten.

  • Chronische Sinusitis mit oder ohne Nasenpolypen: Entzündete, geschwollene oder polypöse Schleimhäute verlegen den Riechspalt im oberen Nasenbereich. Riechminderung ist hier ein typisches Begleitsymptom. Mehr zu den Hintergründen lesen Sie in unserem Artikel zur chronischen Sinusitis.
  • Verkrümmte Nasenscheidewand (Septumdeviation): Eine stark abgewichene Scheidewand kann den Luftstrom zur Riechschleimhaut mechanisch behindern.
  • Allergische Rhinitis (Heuschnupfen): Allergisch bedingte Schleimhautschwellungen beeinträchtigen den Geruchssinn saisonal oder dauerhaft. Eine konsequente Allergietherapie — einschließlich Hyposensibilisierung — kann den Geruchssinn oft deutlich verbessern.

Wichtig: Sinunasale Riechstörungen sind in der Regel behandelbar. Wenn die Ursache behoben wird — durch Kortikosteroid-Sprays, eine Allergietherapie oder, wenn nötig, eine Operation — erholt sich die Riechfunktion in vielen Fällen.

Postinfektiöse Riechstörungen — nach Erkältung und COVID-19

Viren der oberen Atemwege können die Riechschleimhaut direkt schädigen. Das war schon vor der Pandemie bekannt: Grippe (Influenza), Erkältungsviren und andere Erreger hinterließen gelegentlich eine bleibende Riechminderung. Mit SARS-CoV-2 hat das Problem eine neue Größenordnung erreicht.

Warum trifft COVID-19 den Geruchssinn so hart? Transkriptomanalysen zeigen, dass die Eintrittsgene von SARS-CoV-2 (ACE2 und TMPRSS2) nicht in den olfaktorischen Rezeptorneuronen selbst sitzen, sondern in den Stützzellen (Sustentakularzellen) und Stammzellen des Riechepithels.5 Das erklärt den raschen Riechverlust: Nicht die Nervenzellen werden direkt angegriffen, sondern ihre Stützmechanismen. Das Riechepithel verliert seinen normalen Aufbau — und damit seine Funktion.

Die gute Nachricht: Bei den meisten Betroffenen regeneriert sich das Riechepithel. Die weniger gute: Bei einem Teil der Patienten dauert dieser Prozess sehr lange, und bei manchen bleibt eine dauerhafte Einschränkung.

Traumatische Riechstörungen — nach Kopfverletzungen

Schädel-Hirn-Traumata, besonders mit okzipitaler Krafteinwirkung (Sturz auf den Hinterkopf), können den Riechnerv am Durchtritt durch die Schädelbasis abreißen. Diese Form der Riechstörung setzt oft verzögert ein und hat eine vergleichsweise ungünstige Spontanprognose.

Neurodegenerative Erkrankungen — ein unterschätztes Frühzeichen

Riechstörungen können ein frühes Warnsignal für neurodegenerative Erkrankungen sein. Bei Morbus Parkinson sind Riechstörungen in bis zu 90 % der Fälle nachweisbar — und sie treten häufig Jahre bis Jahrzehnte vor den motorischen Symptomen auf.6 Ähnliches gilt für die Alzheimer-Demenz.1 Ein neues, unerklärtes Riechdefizit bei älteren Menschen sollte daher neurologisch mitbedacht werden.

Toxische Ursachen — Rauchen und Umweltgifte

Chronisches Rauchen schädigt die Riechschleimhaut messbar. Auch Berufsexpositionen gegenüber Lösungsmitteln, Schwermetallen oder anderen Chemikalien können zu Riechverlust führen. Die AWMF-Leitlinie empfiehlt bei entsprechender Berufsanamnese eine arbeitsmedizinische Mitbeurteilung.4

Idiopathische Riechstörungen

Ein erheblicher Anteil der Riechstörungen — nach manchen Schätzungen etwa 6 % — lässt sich trotz sorgfältiger Diagnostik keiner eindeutigen Ursache zuordnen.1 Hier spricht man von idiopathischer Riechstörung. Auch in diesen Fällen ist ein Therapieversuch mit Riechtraining gerechtfertigt.

Medikamentennebenwirkungen

Bestimmte Medikamente können als Nebenwirkung die Riechfunktion beeinträchtigen, darunter manche Antihypertensiva, Cholesterin-Senker und Chemotherapeutika. Ein genauer Blick auf die Medikamentenliste lohnt sich — in Absprache mit dem verordnenden Arzt.


Diagnose: Wie wird eine Riechstörung untersucht?

Eine Riechstörung ist kein Befund, den man beim flüchtigen Nachfragen abhandeln kann. Eine sorgfältige Diagnostik ist die Voraussetzung, um die richtige Therapie einzuleiten — und um keine ernste Grunderkrankung zu übersehen. In meiner Praxis in Saarlouis läuft das in mehreren Schritten ab.

Anamnese — die Vorgeschichte zählt

Am Anfang steht das Gespräch: Wann hat die Störung begonnen? Plötzlich oder schleichend? Vollständiger Verlust oder Verminderung? Gab es einen vorangegangenen Infekt, ein Trauma, eine Allergie? Welche Medikamente nehmen Sie ein? Riechen Sie bestimmte Dinge verzerrt oder unangenehm? Diese Details sind entscheidend für die Einordnung.

Nasenendoskopie

Mit einem dünnen, flexiblen oder starren Endoskop lässt sich die Nasenschleimhaut, der Nasenrachen und besonders der Riechspalt im oberen Nasenbereich direkt beurteilen. Polypen, starke Schleimhautschwellungen oder anatomische Engstellen sind so direkt sichtbar.

Olfaktometrie mit Sniffin’ Sticks

Die psychophysische Riechprüfung ist der Goldstandard der klinischen Olfaktologie.4 In Deutschland wird dafür am häufigsten das System der Sniffin’ Sticks verwendet — stiftförmige Geruchsdispenser, entwickelt von der Forschungsgruppe um Thomas Hummel in Dresden.7 Sie messen drei Parameter:

  • Schwelle (Threshold): Ab welcher Konzentration wird ein Geruch wahrgenommen?
  • Diskrimination (Discrimination): Können zwei ähnliche Gerüche unterschieden werden?
  • Identifikation (Identification): Können bekannte Alltagsgerüche benannt werden?

Aus den drei Werten ergibt sich der TDI-Score. Normwerte wurden an über 9.000 Probanden erhoben.82 Liegt der TDI-Score unterhalb definierter Grenzwerte, ist eine Hyposmie oder Anosmie objektiviert.

Bildgebung — wann CT oder MRT sinnvoll sind

Bei Verdacht auf sinunasale Ursachen (Polypen, Sinusitis) liefert ein CT der Nasennebenhöhlen die entscheidenden anatomischen Informationen. Bei Verdacht auf eine zentrale oder neurologische Ursache — also wenn traumatische, neurodegenerative oder onkologische Genese möglich erscheint — ist ein MRT mit Darstellung des Bulbus olfactorius und der Riechbahn indiziert.

Blutbild und Labordiagnostik

Systemische Erkrankungen wie Schilddrüsenfunktionsstörungen, Vitaminmangel (insbesondere Vitamin B12, Zink) oder endokrine Veränderungen können die Riechfunktion beeinflussen. Bei klinischem Verdacht gehört eine Laboruntersuchung zur Basisdiagnostik.


Therapie: Was hilft wirklich?

Die Therapie richtet sich nach der Ursache. Bei sinunasalen Riechstörungen steht die Behandlung der Grunderkrankung im Vordergrund — antiinflammatorisch, allergologisch oder chirurgisch. Aber was tun, wenn die Ursache postinfektiös, traumatisch oder idiopathisch ist?

Das Hummel-Riechtraining — die Erstlinientherapie mit der stärksten Evidenz

Das Riechtraining ist heute die am besten belegte Therapie für postinfektiöse und andere nicht-sinunasale Riechstörungen. Die Idee geht auf eine Originalarbeit von Thomas Hummel und Kollegen aus dem Jahr 2009 zurück.9 Das Prinzip: Das Gehirn ist plastisch. Durch wiederholte, bewusste Geruchsstimulation lassen sich die olfaktorischen Neuronenpopulationen und Verarbeitungswege des Gehirns stimulieren und möglicherweise regenerieren.

Die Studienlage ist solide:

  • In einer randomisierten, kontrollierten Multicenter-Studie an 144 Patienten mit postinfektiöser Riechstörung zeigte hochkonzentriertes Riechtraining nach 18 Wochen eine klinisch relevante Verbesserung bei 26 % der Trainierenden, verglichen mit 15 % in der niedrig dosierten Vergleichsgruppe.10
  • Eine Meta-Analyse von Sorokowska und Kollegen bestätigte einen statistisch signifikanten Effekt auf den TDI-Score; längere Trainingsdauer und mehr verschiedene Duftstoffe waren tendenziell vorteilhafter.11
  • Speziell für COVID-19-bedingte Riechstörungen zeigte eine systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse aus dem Jahr 2023 einen signifikanten Behandlungseffekt (SMD = 1,08, 95%-KI 0,64–1,52), sowohl in der akuten als auch in der chronischen Phase.12

Die Fachempfehlung der DGHNO-Arbeitsgruppe Olfaktologie/Gustologie benennt das Riechtraining als einzige Therapie mit überzeugender Evidenz bei Post-COVID-Riechstörungen.13 Und auch die AWMF-Leitlinie empfiehlt es als Erstlinienmaßnahme.4

Wichtige Erwartungshaltung: Das Riechtraining ist keine schnelle Lösung. Es braucht Geduld — und eine realistische Einschätzung. Ein erheblicher Teil der Patienten verbessert sich, aber nicht alle. Und die Verbesserungen kommen langsam, oft über Monate.

Kortikosteroide — sinnvoll bei sinunasaler Ursache

Lokale (topische) Kortikosteroid-Sprays sind bei allergischer oder entzündlich bedingter Riechstörung das Mittel der Wahl und sehr gut belegt. Sie reduzieren die Schleimhautschwellung und geben dem Riechspalt Raum.

Systemisches Kortison ist bei postinfektiöser Riechstörung und bei Post-COVID nach aktuellem Kenntnisstand nicht empfohlen.1413 Der mögliche kurzfristige Effekt steht in keinem günstigen Verhältnis zu den Risiken einer systemischen Kortison-Gabe.

Vitamin A — ein ergänzender Ansatz

Intranasales Vitamin A (10.000 IE/Tag über 8 Wochen) zeigte in einer Studie in Kombination mit Riechtraining eine klinisch relevante Verbesserung bei 37 % der Patienten mit postinfektiöser Riechstörung, verglichen mit 23 % beim Riechtraining allein (p = 0,03).15 Die Studie hatte methodische Einschränkungen (keine echte Randomisierung), und der Effekt ist als Zusatztherapie zum Riechtraining zu verstehen — nicht als Ersatz.

Behandlung der Grunderkrankung

Bei allergischer Rhinitis — einer sehr häufigen Ursache für Riechminderung — ist die spezifische Immuntherapie (Hyposensibilisierung) ein kausaler Ansatz. Wenn die Allergie dauerhaft besser kontrolliert wird, verbessert sich in der Regel auch die Riechfunktion. Mehr dazu in unserem Artikel zur Hyposensibilisierung.

Operation bei struktureller Obstruktion

Wenn Nasenpolypen oder anatomische Engstellen den Zugang zur Riechschleimhaut verlegen, kann eine funktionelle endoskopische Nasennebenhöhlen-Operation (FESS) die Voraussetzungen für die Riechfunktion verbessern. Die Operation hebt nicht in jedem Fall die Riechstörung auf — aber sie beseitigt ein mechanisches Hindernis, das jede andere Therapie untergräbt.


Spezial: Post-COVID-Riechstörungen

Post-COVID-Riechstörungen haben eine besondere Stellung — sowohl wegen ihrer Häufigkeit als auch wegen einiger Besonderheiten im Krankheitsverlauf.

Warum trifft COVID-19 den Geruchssinn so hart?

Der Mechanismus unterscheidet sich von anderen Virusinfektionen. SARS-CoV-2 befällt nicht direkt die Riechnervenzellen, sondern die Stützzellen des Riechepithels.5 Dadurch kollabiert das gesamte Stützgerüst der Riechschleimhaut, was zu einem raschen, oft kompletten Riechverlust führt — häufig ohne die verstopfte Nase, die bei einer klassischen Erkältung den Riechverlust erklären würde. Das ist eines der klinisch markanten Merkmale der COVID-Anosmie.

Kurz oder lang? Wann wird es chronisch?

Die meisten COVID-bedingten Riechstörungen erholen sich spontan innerhalb von Wochen bis Monaten. Eine prospektive Multicenter-Studie zeigte, dass sich die Prävalenz objektivierter Riechstörungen von 24,2 % nach 6 Monaten auf 2,9 % nach 24 Monaten reduzierte.3 Subjektiv berichten allerdings auch nach zwei Jahren noch knapp 30 % der ursprünglich Betroffenen über Beschwerden — ein Hinweis auf eine mögliche Lücke zwischen messbarer Riechfunktion und dem subjektiven Erleben.

Risikofaktoren für einen anhaltenden Verlauf sind höheres Alter und ein initial stärkerer Riechverlust. Frühzeitiges Riechtraining ist sinnvoll, weil die Phase der Epithelregeneration wahrscheinlich das ideale Zeitfenster für olfaktorisches Lernen ist.

Parosmie und Phantosmie nach COVID

Viele Post-COVID-Patienten schildern nach einer Phase der Anosmie eine quälende Parosmie: Dinge, die früher gut rochen, riechen nun ekelhaft. Diese Form ist ein Zeichen der — wenn auch fehlgeleiteten — Regeneration: Die Riechnervenfasern wachsen nach, finden aber zunächst nicht ihre korrekten Verbindungen im Gehirn. Parosmie kann sich über Monate hinziehen, verbessert sich mit der Zeit aber in der Regel.


Riechtraining: Schritt für Schritt — das Hummel-Protokoll

Das Protokoll ist simpel. Die Herausforderung liegt in der Konsequenz, nicht in der Technik.

Die vier Duftstoffe

Das klassische Protokoll nach Hummel verwendet vier Gerüche aus unterschiedlichen Klassen:9

  • Rose (Phenylethylalkohol) — blumig
  • Zitrone (Citronellal) — fruchtig-zitrusartig
  • Eukalyptus (Eucalyptol) — harzig-würzig
  • Gewürznelke (Eugenol) — warm-würzig

Diese vier Gerüche repräsentieren unterschiedliche Geruchsklassen und stimulieren möglichst viele verschiedene Riechrezeptoren. Sie sind als fertige Riechtraining-Sets im Handel erhältlich, oder man stellt sie selbst her — mit ätherischen Ölen und kleinen Glasfläschchen.

Das Protokoll

  1. Frequenz: Zweimal täglich — morgens und abends.
  2. Dauer je Duft: Ca. 30 Sekunden pro Fläschchen, mit kurzen Pausen dazwischen.
  3. Technik: Fläschchen unter die Nase halten, kurze, ruhige Atemzüge durch die Nase nehmen. Sich dabei bewusst auf den Geruch konzentrieren und die damit verbundenen Erinnerungen oder Bilder abrufen. Nicht kräftig schnüffeln — das verzerrt die Wahrnehmung.
  4. Gesamtdauer: Mindestens 12 Wochen, besser 3–6 Monate. In manchen Fällen ist eine Fortsetzung bis zu 12 Monaten sinnvoll.

Düfte wechseln — ein wichtiger Schritt

Nach 3–4 Monaten empfiehlt es sich, die Duftstoffe zu wechseln. Eine Studie mit einem erweiterten Protokoll (Rotation durch verschiedene Duftsets alle 12 Wochen) zeigte bessere Ergebnisse bei Diskrimination und Identifikation als das klassische Viererset über die gesamte Zeit.16 Mögliche neue Düfte für die zweite Phase: Menthol, Thymian, Mandarine, Jasmin oder Rosmarin.

Woran erkenne ich Fortschritte?

Riechtraining ist eine Therapie, die wenig spektakulär beginnt. Typische erste Zeichen: Man nimmt einen Duft wieder wahr, aber erst, wenn das Fläschchen direkt unter der Nase ist. Oder Alltagsgerüche kehren zurück — das Waschmittel, der Regen, das Essen. Manche Patienten führen ein einfaches Tagebuch, in dem sie täglich festhalten, ob und wie intensiv sie etwas gerochen haben. Das hilft, über Wochen und Monate Fortschritte zu erkennen, die im Alltag zu leicht übersehen werden.

Häufige Fehler

  • Unregelmäßig trainieren: Das Riechtraining wirkt durch Wiederholung. Drei Tage trainieren, dann eine Woche aussetzen, funktioniert nicht.
  • Zu hohe Erwartungen nach zwei Wochen: Erste messbare Verbesserungen zeigen sich typischerweise nach 6–12 Wochen.
  • Schlechte Duftqualität: Abgelaufene oder schlecht gelagerte ätherische Öle verlieren ihre Konzentration. Flaschen dunkel und kühl lagern.
  • Kein Arztbesuch davor: Das Riechtraining ist sinnvoll — aber es ersetzt keine Diagnose. Wer einfach lostrained, ohne die Ursache zu kennen, könnte eine behandelbare Grunderkrankung übersehen.

Prognose: Kommt der Geruchssinn zurück?

Die ehrliche Antwort lautet: Das hängt von der Ursache und vom Zeitpunkt des Behandlungsbeginns ab.

Postinfektiöse Riechstörungen (einschließlich Post-COVID): Eine retrospektive Studie an 791 Patienten zeigte, dass 46 % der Patienten mit postinfektiöser Anosmie und 35 % der Hyosmiker eine klinisch relevante Verbesserung erreichten.17 Jüngeres Alter und eine weniger schwere Ausgangsbeeinträchtigung waren die stärksten Prädiktoren für eine gute Erholung. Post-COVID-Riechstörungen erholen sich bei der Mehrheit der Betroffenen innerhalb von Monaten — ein kleiner Prozentsatz aber bleibt dauerhaft eingeschränkt.

Sinunasale Ursachen: Wenn die Grunderkrankung konsequent behandelt wird, ist die Prognose in der Regel gut.

Traumatische Ursachen: Schlechter als bei infektiösen Ursachen. Bei Abriss der Riechfasern an der Schädelbasis ist eine vollständige Erholung selten.

Neurodegenerative Erkrankungen: Hier steht die ursächliche Erkrankung im Vordergrund. Riechtraining ist ergänzend möglich, aber die Erwartungen müssen entsprechend eingeordnet werden.


Wann müssen Sie zum HNO-Arzt?

Es gibt Situationen, bei denen ein Arztbesuch nicht aufgeschoben werden sollte:

Sofort in die Praxis, wenn:

  • Riechverlust plötzlich und einseitig auftritt (ein Nein für Infektionsursache, Hinweis auf mögliche strukturelle oder neurologische Ursache)
  • Gleichzeitig neurologische Symptome auftreten: Kopfschmerzen, Sehstörungen, Verwirrtheit, Bewusstseinsveränderungen
  • Riechverlust nach Kopfverletzung einsetzt
  • Riechverlust mit Nasenbluten kombiniert ist (Ausschluss einer raumfordernden Läsion)

Zeitnah, innerhalb von 4 Wochen, wenn:

  • Riechverlust nach einem Infekt nicht zurückkehrt
  • Riechminderung über mehrere Wochen anhält
  • Unbekannte Verformung des Geruchserlebnisses (Parosmie) neu auftritt

Ein Riechtraining ohne vorangehende HNO-Untersuchung ist nicht ratsam: Eine sinunasale Ursache kann häufig kausal behandelt werden — und sollte das auch. Das Riechtraining bei einer unentdeckten Polyposis zu beginnen ist, wie auf einem nassen Boden zu wischen, solange der Wasserhahn noch läuft.


Riechstörungen in Saarlouis: Was ich in der Praxis anbiete

Als HNO-Arzt in Saarlouis sehe ich Patienten mit Riechstörungen regelmäßig — nach Infekten, nach COVID-19, mit allergischer Rhinitis oder chronischer Sinusitis im Hintergrund. Die Diagnostik umfasst eine ausführliche Anamnese, die Nasenendoskopie und — soweit indiziert — eine objektivierte Riechprüfung.

Ziel ist immer: erst die Ursache verstehen, dann gezielt handeln. Ob das eine Kortison-Nasenspray, eine Allergietherapie, eine Überweisung zur Bildgebung oder die Einleitung eines Riechtrainings ist — das entscheidet die Diagnose, nicht die Hoffnung.

Wer unsicher ist, ob die eigene Riechstörung abklärungsbedürftig ist: Kommen Sie einfach vorbei. Eine kurze Erstuntersuchung schafft Klarheit.


Häufige Fragen

Kann mein Geruchssinn nach Jahren noch zurückkommen?

Grundsätzlich ja — allerdings nimmt die Wahrscheinlichkeit einer vollständigen Erholung mit der Dauer der Störung ab. Auch nach längerer Anosmie sind Verbesserungen durch Riechtraining dokumentiert. Entscheidend ist, ob das Riechepithel noch intakt ist und ob das Nervensystem noch Plastizität besitzt. Eine Erstuntersuchung beim HNO-Arzt klärt, ob ein Therapieversuch sinnvoll ist.

Ist Riechtraining auch bei älteren Riechstörungen sinnvoll — also nicht nur nach COVID?

Ja. Das Riechtraining wurde ursprünglich für postinfektiöse Riechstörungen aller Art entwickelt — nicht spezifisch für COVID-19. Auch bei idiopathischer Ursache oder nach Schädel-Hirn-Trauma ist ein Versuch berechtigt. Die Erfolgswahrscheinlichkeit ist bei jüngeren Patienten und kürzerem Verlauf höher, aber es gibt keine Kontraindikation für einen Therapieversuch.

Wie lange dauert es, bis ich erste Verbesserungen bemerke?

Typischerweise sind erste Veränderungen nach 6–12 Wochen wahrnehmbar — oft zunächst nur eine leichte Intensivierung bestimmter Düfte. Messbare Verbesserungen im TDI-Score zeigen sich häufig erst nach 3–4 Monaten. Geduld und Konsequenz sind die entscheidenden Faktoren.

Schadet Riechtraining, wenn ich es zu früh oder falsch anwende?

Nein — Riechtraining ist nebenwirkungsfrei und ungefährlich. Es ist keine Therapie mit einem Zeitfenster, nach dem es zu spät wäre. Allerdings: Vor dem Beginn sollte eine HNO-Untersuchung stehen, um behandelbare Grundursachen nicht zu übersehen.

Muss ich spezielle Riechtraining-Sets kaufen?

Kommerzielle Sets sind praktisch und qualitätsgesichert, aber keine Pflicht. Man kann die vier Duftstoffe (Rose, Zitrone, Eukalyptus, Nelke) als ätherische Öle in der Apotheke oder im Reformhaus kaufen und selbst in kleine Glasfläschchen abfüllen. Wichtig ist eine ausreichende Konzentration — verdünnte Öle in Trägeröl sind weniger geeignet.

Hilft Riechtraining auch bei Parosmie?

Parosmie ist ein Zeichen der Regeneration, nicht des Stillstands. Riechtraining unterstützt diesen Regenerationsprozess und kann dazu beitragen, dass die fehlgeleiteten Verschaltungen sich korrigieren. Die Verbesserung braucht Zeit — über Monate. Einige Kliniken empfehlen ergänzend Expositionsübungen mit den Gerüchen, die die Parosmie auslösen, in sehr geringer Konzentration. Das sollte aber ärztlich begleitet werden.


Bemerken Sie einen Riechverlust nach einem Infekt, eine dauerhaft verstopfte Nase oder dass Gerüche plötzlich verzerrt wahrgenommen werden? In der HNO-Praxis Dr. Dewes in Saarlouis klären wir die Ursache mit einer vollständigen HNO-Untersuchung und psychophysischer Riechtestung (Sniffin’ Sticks) und besprechen mit Ihnen das weitere Vorgehen — vom strukturierten Riechtraining bis zur Behandlung der Grunderkrankung. Vereinbaren Sie Ihren Termin bequem online unter drdewes.de/online-termine oder rufen Sie uns an: 06831 2055.


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  1. Hüttenbrink KB, Hummel T, Berg D, Gasser T, Hähner A. Riechstörungen: Häufig im Alter und wichtiges Frühsymptom neurodegenerativer Erkrankungen. Deutsches Ärzteblatt. 2013;110(1-2):1–7. DOI: 10.3238/arztebl.2013.0001 ↩︎ ↩︎ ↩︎ ↩︎

  2. Oleszkiewicz A, Schriever VA, Croy I, Hähner A, Hummel T. Updated Sniffin’ Sticks normative data based on an extended sample of 9,139 subjects. Eur Arch Otorhinolaryngol. 2019;276(3):719–728. DOI: 10.1007/s00405-018-5248-1 ↩︎ ↩︎

  3. Lechien JR, Vaira LA, Saussez S. Prevalence and 24-month recovery of olfactory dysfunction in COVID-19 patients: A multicentre prospective study. J Intern Med. 2023;293(1):82–90. DOI: 10.1111/joim.13564 ↩︎ ↩︎

  4. Deutsche Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde, Kopf- und Halschirurgie u. a. S2k-Leitlinie Riech- und Schmeckstörungen. AWMF-Registernummer 017-050, Version 5.1, August 2023. https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/017-050 ↩︎ ↩︎ ↩︎ ↩︎

  5. Brann DH, Tsukahara T et al. Non-neuronal expression of SARS-CoV-2 entry genes in the olfactory system suggests mechanisms underlying COVID-19-associated anosmia. Science Advances. 2020;6(31):eabc5801. DOI: 10.1126/sciadv.abc5801 ↩︎ ↩︎

  6. Doty RL. Olfactory dysfunction in Parkinson disease. Nat Rev Neurol. 2012;8(6):329–339. DOI: 10.1038/nrneurol.2012.80 ↩︎

  7. Kobal G, Hummel T, Sekinger B, Barz S, Roscher S, Wolf SR. “Sniffin’ Sticks”: Screening of olfactory performance. Rhinology. 1996;34(4):222–226. PMID: 9050101 ↩︎

  8. Hummel T, Kobal G, Gudziol H, Mackay-Sim A. Normative data for the “Sniffin’ Sticks” including tests of odor identification, odor discrimination, and olfactory thresholds. Eur Arch Otorhinolaryngol. 2007;264(3):237–243. DOI: 10.1007/s00405-006-0173-0 ↩︎

  9. Hummel T, Rissom K, Reden J, Hähner A, Weidenbecher M, Hüttenbrink KB. Effects of olfactory training in patients with olfactory loss. Laryngoscope. 2009;119(3):496–499. DOI: 10.1002/lary.20101 ↩︎ ↩︎

  10. Damm M, Pikart LK, Reimann H et al. Olfactory training is helpful in postinfectious olfactory loss: a randomized, controlled, multicenter study. Laryngoscope. 2014;124(4):826–831. DOI: 10.1002/lary.24340 ↩︎

  11. Sorokowska A, Drechsler E, Karwowski M, Hummel T. Effects of olfactory training: a meta-analysis. Rhinology. 2017;55(1):17–26. DOI: 10.4193/Rhino16.195 ↩︎

  12. Hwang SH, Kim SW, Basurrah MA, Kim DH. The Efficacy of Olfactory Training as a Treatment for Olfactory Disorders Caused by Coronavirus Disease-2019: A Systematic Review and Meta-Analysis. Am J Rhinol Allergy. 2023;37(4):495–501. DOI: 10.1177/19458924221150977 ↩︎

  13. Hintschich CA, Wege-Lüssen A, Göktas Ö et al. Persistierende Riechminderung nach COVID-19 — Empfehlungen der Arbeitsgemeinschaft Olfaktologie und Gustologie der DGHNO-KHC. HNO. 2023;71(11):739–743. DOI: 10.1007/s00106-023-01368-w ↩︎ ↩︎

  14. Addison AB, Wong B, Ahmed T et al. Clinical Olfactory Working Group consensus statement on the treatment of postinfectious olfactory dysfunction. J Allergy Clin Immunol. 2021;147(5):1704–1719. DOI: 10.1016/j.jaci.2020.12.641 ↩︎

  15. Hummel T, Whitcroft KL, Rueter G, Haehner A. Intranasal vitamin A is beneficial in post-infectious olfactory loss. Eur Arch Otorhinolaryngol. 2017;274(7):2819–2825. DOI: 10.1007/s00405-017-4576-x ↩︎

  16. Altundag A, Cayonu M, Kayabasoglu G et al. Modified olfactory training in patients with postinfectious olfactory loss. Laryngoscope. 2015;125(8):1763–1766. DOI: 10.1002/lary.25245 ↩︎

  17. Cavazzana A, Larsson M, Münch M, Hähner A, Hummel T. Postinfectious olfactory loss: A retrospective study on 791 patients. Laryngoscope. 2018;128(1):10–15. DOI: 10.1002/lary.26606 ↩︎